"Wozu Romane schreiben ...?"

Geht man auf eine Verkaufsplattform für Bücher, stößt man bei Übersetzungen interessanterweise immer öfter nicht nur auf einen Namen, sondern auf zwei. Zum einen ist da die Autorin oder der Autor – und an zweiter Stelle (häufig unter dem Link „Weitere“) die Übersetzerin oder der Übersetzer. Natürlich, werden Sie jetzt sagen, wir leben im digitalen Zeitalter; es ist normal, dass da alles erfasst wird, und der Name der Übersetzer ist eben Teil des Impressums.

 

Aber betrachten wir das Ganze mal von Übersetzerseite. Ich habe mir niemals vorstellen können, lange an einem Text zu sitzen, aus dem irgendwann einmal ein Buch entsteht – geschweige denn, dass dieses Buch anschließend von einem Verlag aufgenommen und publiziert wird. Der Name steht dennoch da, und auch wenn man sagen kann (und das völlig zu Recht), dass es sich „lediglich“ um den Übersetzer handelt, so werde ich das Gefühl nicht los, dass da mehr ist.

 

Ich werde versuchen, es zu erklären.

 

Wie bereits erwähnt, hätte ich mir niemals selbst vorstellen können, Zeit und Energie in ein solches Projekt zu stecken. Nicht nur, dass es lange dauert, bis sich eine Idee im Kopf formt, sondern es kostet auch einiges, diese Idee in Worte zu fassen und aufs (digitale) Papier zu bringen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe es oft genug versucht, aber ständig stoße ich auf eine Mauer oder schreibe mich in eine Ecke – und dann reicht die kreative Energie nicht aus, sodass ich mich mit anderen Dingen befasse und den Schreibprozess aus den Augen verliere. Kurz gesagt: Schreibblockade.

 

Nun stellen Sie sich vor, dass ich als Übersetzer den Auftrag erhalte, ein bereits bestehendes Werk in meine Muttersprache zu übertragen. Sicher, gerne, ist schließlich mein Job. Ich gehe daran, lese den Roman (oder lese mich zumindest ein – Stichwort „Abgabefrist“), mache mir Gedanken über Formulierungen und Begriffe und wie die Geschichte in den eigenen Kontext und den der Gegenwart passt. Kurz und gut, ich bereite alles im Kopf vor, bekomme eine Vorstellung von der Handlung, von den Figuren, eventuell sogar, wie der Autor tickt.

 

Schließlich, nachdem alles im Kopf vorbereitet ist, setze ich mich vor ein leeres Blatt des Schreibprogramms, öffne die Datei des Originals (oder stelle das Buch auf einen Leseständer in dem seltenen Fall, dass ich eine Druckversion erhalte) und fange an, den Inhalt des Romans von einer Sprache in eine andere zu übertragen. Und siehe da, kein Zögern, kein Mangel an Kreativität, keine Schreibblockade.

 

Oberflächlich betrachtet, liegt die Sache klar auf der Hand. Der Text ist fertig, ebenso das Glossar, und die geistigen Übungen habe ich bereits im Vorfeld erledigt, sodass eigentlich nur noch die Ausführung bleibt. Und das ist genau der Punkt. Ich werde Autor aus zweiter Reihe. Wozu Romane schreiben, wenn man sie einfach überträgt? Um die Handlung, die kreative Arbeit, muss ich mich schließlich nicht kümmern, die ist ja bereits gemacht. Mein Name steht trotzdem Impressum. Datei speichern, abschicken, fertig.

 

Aber ist das alles, was an der Übersetzung von Literatur dran ist? Oder ist da noch mehr? Ein Blick hinter die Kulissen? Ein kreativer Prozess, der sich zwar von dem des Autors unterscheidet, aber nichtsdestotrotz wichtig ist für die Entstehung – oder besser, „Neubetrachtung“ – des Romans und dessen Übertragung?

 

Und dann, während ich in die Welt des Buches eintauche, mir die Figuren vorstelle und überlege, wie ich etwas formulieren und welche „Stimme“ ich den Charakteren geben soll, überkommt mich plötzlich der Gedanke, dass ich nicht nur den Text übertrage, sondern ihn im wahrsten Sinne des Wortes neu schreibe.

 

Die Vorstellung, aus etwas Bestehendem etwas Neues zu schaffen und gleichzeitig dem Original die Achtung entgegenzubringen, die es verdient, ist wirklich anregend. Ich schaffe Figuren neu (ändere sogar manchmal ihre Namen), gebe ihnen eine andere Stimme, passe die Handlung an den Bedarf der Leser an, ohne dabei die Absicht des Autors aus den Augen zu verlieren. Dieser Prozess, dieses Neuschaffen von bestehenden Ideen, ohne sie zu verwerfen, ist eine Herausforderung und gleichzeitig Gelegenheit, ebenfalls Autor zu werden. Aus zweiter Reihe, versteht sich.

 

Und wenn ich es richtig mache, merken die Leser den Unterschied nicht und werden sagen: „Der Autor schreibt sehr gut. Das Buch lese ich gerne.“ Wenn dieser Punkt erreicht ist, dann hat sich die Arbeit mehr als gelohnt.

 

Bis zum nächsten Mal.

 

Ihr

Jan Enseling