Am Anfang war der Begriff

Wir werfen einen Blick auf die Arbeit, die man als (Literatur-)Übersetzer erledigt, bevor man tatsächlich schreibt. Einer der ersten Schritte ist – wie im letzten Blogeintrag angerissen – das Erstellen eines Glossars.

 

Was ist ein Glossar? Glossare sind im Grunde Wortsammlungen (ähnlich den Vokabellisten, die man im Anhang von Unterrichtsbüchern für Sprachen findet), die dabei helfen sollen, schnell und präzise den Begriff herauszufinden, den man beim Aufsetzen der eigentlichen Übersetzung braucht.

 

Im Laufe der Zeit kommen Tausende von Begriffen zusammen, und jedes Glossar ist einzigartig, da es immer in einem anderen Kontext zusammengestellt und erweitert wird, als ähnliche, aber im Kern unterschiedliche Wortliste.

 

Das Glossar entsteht immer im Zusammenhang mit dem Text. Das geht ja auch nicht anders, schließlich ist das Dokument der wichtigste (wenn auch nicht einzige) Bezugspunkt. Am Anfang ist es erst einmal eine Wortsammlung: Als Übersetzer sucht man sich die Begriffe heraus, die wichtig erscheinen, und überträgt sie zunächst in diese Liste. (Tabellenprogramme sind dabei äußerst praktisch.)

 

Sobald man den Großteil der Begriffe zusammen hat, sucht man nach der Definition der Worte im Text und Kontext. Mithilfe dieser Definition ist es möglich, eine inhaltlich Übertragung zu finden – wobei der Schwerpunkt auf „inhaltlich“ liegt, nicht auf „wortwörtlich“. Als Übersetzer sollte man versuchen, tunlichst den allerersten Begriff im Wörterbuch zu meiden, denn in vielen Fällen bedeutet die Definition etwas anderes.

 

Hat man den Kontext geklärt (was zwischen 10 Sekunden und 30 Minuten dauern kann, je nach Fachgebiet vielleicht auch länger), kann man sich auf die Suche nach dem passenden „Wort“ machen, besser gesagt, dem Begriff, der den Inhalt des Originals am besten wiedergibt. Mit diesen beiden Termen – dem fremdsprachigen und dem übersetzten – haben wir schon eine gute Grundlage.

 

Ein Glossar kann aber noch mehr. Erinnern Sie sich an ihre Sprachlehrbücher aus der Schule? Diese enthalten neben den eigentlichen Begriffen häufig eine Aussprachehilfe (die Lautschrift) und einen erklärenden Satz, ähnlich wie in einem einsprachigen Wörterbuch.

 

(Ich erinnere mich noch sehr genau daran, weil mein erster Englischlehrer immer der Meinung war, dass man davon alles in ein Vokabelheft übertragen sollte. Sie können sich vorstellen, wie mir die Hand nach einer ganzen Unit wehgetan hat. Aber im Endeffekt hatte er recht: Alle aus der Klasse kannten viel mehr Begriffe, als wenn wir sie einfach nur auswendig gelernt und nicht aufgeschrieben hätten.)

 

Günstigenfalls enthält das Glossar noch eine Spalte mehr als nur die beiden „Vokabelreihen“, nämlich einen Kommentar, eine Quellenangabe oder etwas ähnliches, was es später leichter macht, den Begriff nachzuvollziehen; insbesondere dann, wenn man an längeren Texte wie Romanen, Handbüchern oder Fachliteratur arbeitet.

 

Zusammenfassend haben wir dann das Original, die Übersetzung und eine Erklärung, woher der Begriff stammt, in welchem Zusammenhang er steht und dergleichen mehr, je nach Aufwand. Auf dieser Grundlage kann man dann eine hervorragende Übersetzung abliefern, da man sich ja im Vorfeld bereits mit Inhalten und Kontexten auseinandergesetzt hat. Vieles im Vorfeld eben.

 

 

 

Ihr

 

Jan Enseling