Recherche – was man so braucht

Recherche ist sowohl der beste als auch anstrengendste Teil bei der Übersetzung. Es geht ja nicht nur darum, die einzelnen Begriffe herauszufinden und in den Kontext zu setzen, sondern auch diesen Kontext zu erkennen, um die richtigen Begriffe zu finden. Beides hängt eng miteinander zusammen.

 

Die Recherche für eine Übersetzung ähnelt der Analyse und Interpretation von Texten. (Wenn man in der Schule dahingehend aufgepasst hat, kommt es einem zugute, wenn man „zwischen den Zeilen“ liest.) Der erste Schritt, wie in einem vorherigen Blogeintrag schon geschrieben, ist das Lesen des Textes. Dies ist bereits der erste Teil der Recherche: Den Text durchgehen und verstehen heißt ihn als Recherchematerial nutzen.

 

Bei vielen Romanen und fiktionalen Texten muss man sich auch Gedanken um das Drumherum machen. Es kann sehr wichtig sein für die Übersetzung zu wissen, wer das Werk geschrieben hat, unter welchen Umständen, was vielleicht damit bezweckt wurde und welches Publikum damit angesprochen werden soll, was wiederum Einfluss auf die Sprachebene hat. Die Sprachebene bekommt noch einen eigenen Eintrag.

 

Diese Auskünfte sind glücklicherweise leicht zu finden. Das Informationszeitalter mit den weitreichenden digitalen Mediatheken und Suchmaschinen hat die Arbeit schneller und einfacher gemacht und die Recherche beschleunigt. Fast alles lässt sich online finden, und als Übersetzer hat man die Möglichkeit, die nötigen Nachforschungen für einen Text rasch zu erledigen. Das heißt nicht, dass man immer alles findet, aber es hilft ungemein. Für den Rest gibt es Bibliotheken und den Text.

 

Die Frage ist, was man danach mit diesen Informationen anfängt. Einige könnten tatsächlich wichtiger sein als andere, und man muss praktisch bei jedem Detail entscheiden, wie viel Gewicht es letztendlich für die vorliegende Übersetzung hat.

 

Muss ich wirklich wissen, ob die Autorin die Idee für das Buch in einem Café oder daheim hatte? Inwiefern sind historische Ereignisse wichtig für einen Science-Fiction-Roman, geschrieben zu einer Zeit, als Laser wichtig waren als Charakterentwicklung? Kann ich bei dieser Fantasy-Geschichte den Titel „Lord“ belassen oder ist es notwendig, etwas Neues zu suchen?

 

Überraschenderweise kann man auf diese Fragen fast immer mit „Ja“ antworten. Jede Information ist hilfreich, jeder Schnipsel und Einblick in die Denkweise des Autors birgt mögliche Antworten auf die Frage, wie man etwas übertragen kann. Seien es Fantasy-, Horror- oder historische Romane, das „Lesen zwischen den Zeilen“ kommt einem Übersetzer immer zugute.

 

Bewaffnet mit diesem Wissen (und einem hoffentlich ausführlichen Glossar), kann man sich an den Computer setzen, das Schreib- und das Leseprogramm aufrufen und mit der eigentlichen Übersetzung beginnen.

 

 

 

Ihr

 

Jan Enseling