„Du bist, wen du kennst …“

Ich hatte immer diese romantische Vorstellung, dass man als Übersetzer in einer Bibliothek sitzt, Laptop auf einem kleinen Tisch, die Platte voller Bücher und Blätter, umgeben von Regalen mit einem Überfluss an Literatur, aus der man für seine eigene kreative Arbeit schöpft. Der Punkt war aber immer, dass ich alleine bin, nur für mich, umgeben von all den Büchern, die ich nie im Leben alle lesen werde, aber unbezahlbare Quellen für Zitate und Inspiration sind.

 

Nun ist es ja so, dass diese Bücher irgendwo herkommen müssen – und dass es diese romantische Vorstellung eben nur das ist. Als Übersetzer ist man nicht so allein (oder für sich), wie man es sich vielleicht vorstellt. Man hat es immer mit Leuten zu tun, mit Menschen, die irgendetwas mit der Arbeit zu tun haben. Dazu gehören gerade für Romane und Rollenspiele Verlagsleiter, andere Übersetzer, Lektoren, weitere Verlagsmitarbeiter, Fans des Genres, Leser … die Liste ist ellenlang.

 

Deswegen fangen wir einfach oben an.

 

Verlagsleiter stehen an erster Stelle. Sie sind die Entscheidungsträger dafür, was übersetzt wird, für welches Publikum, in welcher Zeit und so weiter. Einer meiner ersten Kunden war und ist der Mantikore Verlag, ein Verlag für fantastische Literatur, Rollenspiele und Spielbücher aus Frankfurt unter der Leitung von Nicolai Bonczyk.

 

Durch einfaches Nachfragen vor einigen Jahren hat mir Nic einen Auftrag vermittelt, und seitdem habe ich für den Verlag mehrere Romane übersetzt – ein Glücksfall und ein (entschuldigen Sie das Wortspiel) fantastischer Einstieg ins Gewerbe.

 

Das Faszinierende am Mantikore Verlag ist wohl die Mischung von Genres: klassische und neue Fantasy sowie Science-Fiction, sodass ich die Möglichkeit hatte, mich zu spezialisieren. Daher auch die vorherigen Blogeinträge über fiktionale Texte. Was dazu kommt, ist der fast schon familiäre Umgang. Das Übersetzen von Romanen vermittelt ein anderes „Gefühl“ als die Arbeit für Agenturen, denn in einem Verlag ziehen Übersetzer, Lektoren und Verlagsleiter idealerweise an einem Strang, um ein möglichst gutes Produkt herauszubringen.

 

Auch hatte ich das Vergnügen, Nic auf der verlagseigenen Convention kennen zu lernen, die einmal pro Jahr stattfindet und eine kleine, aber bunte und interessante Gemeinde von Fans des Verlags und der Fantastik allgemein anzieht.

 

Ich bin der Überzeugung, dass durch die Erfahrungen die Arbeit als Übersetzer geprägt wird. Man bekommt ein besseres Gefühl für das Publikum, für die Absichten des Verlages und – durch den persönlichen Kontakt – den Geschmack und die Vorlieben einzelner Menschen, die vorher nur Teil der grauen Leserschaft waren. Man ist, wen man kennt, und wenn man das Publikum sieht, ihm tatsächlich begegnet, gibt man sich umso mehr Mühe.

 

Die Arbeit für den Verlag hat mich und meine Arbeit geprägt – und sie hat mein Leben bereichert.

 

 

 

Ihr

 

Jan Enseling

 

 

 

 

 

P.S.: Dieser Blogeintrag erfolgte nach freundlicher Genehmigung durch den Mantikore Verlag.