Erwartungshaltungen (Teil 1 von 2)

Kann man etwas von dem Text erwarten, den man übersetzt? Oder besser: Ist es möglich, abzusehen, was um den Text herum geschieht?

 

Wie schon einmal geschrieben, steht kein Text im Vakuum. Wie dicht der Roman, die Geschichte oder das Rollenspiel auch mit Informationen gepackt ist, es gibt immer etwas von außen, das auf den Inhalt von außen einwirkt. Es ist immer absehbar, dass man ein Glossar braucht, dass nicht alle Begriffe im Text eine ähnliche Entsprechung „im wirklichen Leben“ haben oder der Leser das gleiche denkt wie der Übersetzer.

 

Kurz: Was erwarte ich, wenn ich einen Text übersetzen soll?

 

Im Idealfall sollte man vielleicht nur das Technische erwarten, d.h. die Tatsachen des Berufes: Schreib- und Leseprogramme, Online-Suche, Glossare und die Kaffeetasse neben dem zweiten Bildschirm. Allerdings ist der Idealfall (in meiner Erfahrung) eher selten. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich auch Erwartungen an den Text stelle – oder genauer: an die Autoren.

 

Persönlich erwarte ich, dass der Text klar strukturiert ist, deutlich sagt, was er sein soll, und mich „anspricht“. Verstehen Sie das bitte nicht falsch. Natürlich wird es immer komplexe und chaotische Texte geben (wir sprechen hier weitestgehend von fiktionalen Texten), was aber nichts daran ändert, dass ich als Übersetzer auch Leser bin. In mehr als einer Hinsicht.

 

Die Schwierigkeit einer Übersetzung wird nicht allein von dem Fachgebiet und der damit zusammenhängenden Idiomatik und Begriffen vorgegeben, sondern hängt auch von der Schreibweise ab. Es gibt Autoren (und davon kennen Sie als Leser bestimmt einige), deren Erzählungen zwar eine einfache Handlung haben, deren Sätze aber so komplex – und manchmal auch kompliziert – gebaut sind, dass man mindestens zweimal hinschauen muss, um zu begreifen, was damit eigentlich gemeint ist. Gleiches gilt auch für Rollenspielmaterial und gerade im Bereich des sogenannten „Crunch“, also des Regelteils. Gerade dort sollte der Text ja eigentlich deutlich und klar strukturiert sein und sich nicht in allzu vielen Nebensätzen verlieren.

 

Natürlich geht es auch umgekehrt. Einige Autoren beschreiben sehr komplexe Handlungen und Gefühle, aber bei ihnen verliert man sich als Übersetzer nicht in der Analyse einzelner Sätze, sondern folgt problemlos dem Handlungsstrang, sodass die Übertragung wesentlich leichter wird. Vergessen Sie nicht: Als Übersetzer überträgt man Inhalte, nicht einzelne Wörter.

 

Heißt das dann, ich darf des Inhalts wegen den Text verändern? Also die Sätze umstellen, andere (soll heißen, deutlichere) Begriffe verwenden und dadurch den Text „besser“ machen? Ja und nein. Ich habe ja schon geschrieben, dass ich versuche, möglichst nahe am Original zu bleiben, ohne die eigentliche Übertragung aus den Augen zu verlieren. Es ist wie immer abhängig vom Kontext, inwieweit man sich von der Quelle entfernt, um den Inhalt wiederzugeben, während man gleichzeitig die Vision des Autors beibehält.

 

In einer Übersetzung geht immer irgendetwas verloren, das ist eine der typischen Gegebenheiten, doch manchmal geht es nicht anders: Es ist immer noch der Text des Autors, und man sollte Respekt davor haben, wenn schon nicht vor der Art des Schreibens, so doch wenigstens vor der Arbeit an sich.

 

Was aber nicht heißt, dass es Ihnen oder mir gefallen muss.

 

 

 

Ihr

 

Jan Enseling