Erwartungshaltungen (2 von 2)

Ein kleiner Hinweis: Obwohl dieser Beitrag bereits vor zwei Jahren erscheinen sollte, haben das Leben und die Arbeit (Ersteres mehr als Letzteres) ihn hinausgezögert. An dieser Stelle möchte ich mich bei den Lesern für ihre Geduld und ihr Verständnis bedanken. Wo wäre ein Literaturübersetzer schließlich ohne Leser? Vielen, vielen Dank.

 

 

 

Im ersten Teil ging es darum, welche Erwartungshaltungen ein Übersetzer gegenüber einem Text haben könnte. Jetzt werfen wir einen entsprechenden Blick auf die andere Seite des Buches: die Leserschaft.

 

Was erwarten Leser von einem Roman, einem Rollenspiel oder einfach einer Geschichte? Genauer gesagt, welche Erwartungshaltungen gibt es gegenüber der Übertragung in ihre Muttersprache? Fangen wir klein an. Vieles in der Literatur ist dazu gedacht, die Leser zu unterhalten. Entsprechend erwarten sie, dass ein Roman sie fesselt und ein Rollenspielbuch gut zu verstehen ist. Schließlich ist das die Aufgabe eines Übersetzers. Wenn der Inhalt für die Leser verständlich ist, so denken sie kaum über das Wie und Was der Übertragung nach, was im Endeffekt eine gute Sache ist.

 

Es gibt aber auch Erwartungen bezüglich der Übersetzung an sich, insbesondere dann, wenn beispielsweise ein Roman in der eigenen Sprache nicht mehr verfügbar ist. Es kommt immer wieder vor, dass ein Verlag Neuauflagen eines Buches herausbringt, das zuvor woanders erschienen ist.

 

Möglicherweise kennen Sie das Szenario. Die 80er Jahre waren zweifellos eine Hochzeit für Science-Fiction und Fantasy, und währenddessen sind viele Klassiker des Genres erschienen. Versetzen Sie sich, wenn Sie können, in diese Zeit zurück. Damals haben Sie ein Lieblingsbuch gehabt, das zur Fantastik gehört, doch über die Jahre (wie es im Leben so geht) haben Sie das Buch verloren und entweder nicht wiedergefunden oder wenn, dann nur zu horrenden Preisen im Internet. (Ein E-Book ist vielleicht eine Alternative, aber Sie hätten gerne eine gedruckte Ausgabe im Regal stehen.)

 

Nun bringt ein Verlag das Buch wieder heraus. Nicht nur eine „überarbeitete Fassung“, sondern eine Neuübersetzung. Wären Sie interessiert, sich das Buch neu zuzulegen? Sagen wir einmal, dass die Antwort „ja“ lautet. Sie freuen sich über die Neuerscheinung und sind gespannt, ob sich die Geschichte immer noch gut hält oder lediglich die Nostalgie dabei eine Rolle gespielt hat.

 

Schließlich lesen Sie das Werk – aber etwas ist merkwürdig. Die Handlung ist die gleiche, die Figuren haben sich nicht verändert, doch ist da ein „Anderssein“. Die Gefühle, die das Buch damals in Ihnen hervorgerufen hat, lassen sich nicht finden oder wieder heraufbeschwören. Woran liegt das? An der neuen Übertragung? Oder an der zeitlichen Distanz, als sie das Buch zum ersten Mal und dann viele Jahre später in der neuen Fassung gelesen haben?

 

Unterhaltung bleibt immer subjektiv, und schließlich müssen Sie entscheiden, ob Ihnen das Werk, wie es Ihnen präsentiert wird, auch gefällt. Dennoch erwarten Sie ja, dass es „das gleiche Buch“ ist. Als Übersetzer ist es leicht zu sagen: „Es ist nicht meine Aufgabe, allen zu gefallen.“ Das stimmt ja bis zu einem gewissen Maß. Aber Sie – die Leser – verdienen auch gleichzeitig, dass man sie unterhält, Ihnen das bietet, was sie erwarten, auch wenn die Gefühle nicht immer die gleichen sind.

 

Auch Bücher verändern sich, die Sicht auf sie und die Ideen und Emotionen, die wir mit ihnen verknüpft haben. Ein Buch, dass ich vielleicht vor ein paar Jahren (neu) übertragen habe, würde ich heute vielleicht ganz anders übersetzen. Würde ich es heute lesen, würde ich mich vermutlich auch denken, ob ich an die heutigen Leser gedacht habe oder nur daran, wie es zum Zeitpunkt der Übertragung klang.

 

Man steckt nicht im Kopf der Leserschaft, sodass es unmöglich ist, den Geschmack aller zu treffen oder ihre Erwartungshaltung zu erfüllen. Es mag ja auch sein, dass selbst eine Neuauflage (keine neue Übersetzung) des ursprünglichen Buches auch nicht das erfüllt, was man vor Jahren oder Jahrzehnten empfunden hat. Bücher verändern sich nicht, weil sie im Grunde schon „veraltet“ sind, wenn sie in Druck gehen; Menschen aber schon. Und man muss es sich selbst verzeihen, wenn man nicht immer das gleiche fühlt wie vor so vielen Jahren.

 

 

 

Beste Grüße

 

Jan Enseling